Lesung mit Susanne Siegert stößt auf großes Interesse
Rund 100 Gäste kamen am Montagabend ins Theater Arnstadt zur Lesung mit Susanne Siegert. In ihrem Buch „Gedenken neu denken“ spricht die Autorin darüber, wie weniger bekannte Tatorte, Biografien und Formen des Widerstands die Erinnerungskultur um neue Perspektiven bereichern können.
Siegert wuchs in Oberbayern unweit des ehemaligen KZ-Außenlagerkomplexes Mühldorf auf. 2020 erkundete sie das Gelände und beschäftigte sich intensiv mit dessen Geschichte. Rund 8.000 Menschen, darunter ungarische Juden, waren dorthin verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen worden. Viele überlebten die Qualen nur wenige Wochen. Siegert zeigte Fotos von Spuren, die heute kaum noch als solche zu erkennen sind: Löcher früherer Zaunpfosten, den erhaltenen Bunkerbogen als Zeugnis der Zwangsarbeit und eine Furche im Boden an der Stelle eines ausgehobenen Massengrabs. Solche Orte gebe es vielerorts in Deutschland und oft würden sie übersehen, weil sie auf den ersten Blick nicht mehr als Tatorte zu erkennen seien.
Siegert rief deshalb dazu auf, selbst zu recherchieren – am eigenen Wohnort, aber auch in der eigenen Familiengeschichte. „So weit weg ist es nicht, wenn man Bezüge in der eigenen Heimat oder in der eigenen Biografie entdeckt“, sagte sie. Welche Möglichkeiten Online-Archive dabei bieten, zeigte sie unmittelbar am Beispiel Arnstadts. Für die Lesung hatte sie historische Bilder und Filmaufnahmen aus Arnstadt und vom Außenlager Espenfeld recherchiert. Darunter auch eine Innenaufnahme der Arnstädter Synagoge, die in der Reichspogromnacht in Brand gesetzt wurde.
Was Siegert unter einer Erweiterung der Erinnerungskultur versteht, verdeutlichte sie mit mehreren Gegenüberstellungen. Neben dem bekannten Tatort Auschwitz rückte sie ihre Heimat Mühldorf, neben bekannten Biografien wie Anne Frank weniger bekannte Lebensgeschichten. Auch Formen des Widerstands und der Alltagssolidarität nahm sie in den Blick. Als Beispiel nannte sie Helene Jacobs, die Verfolgte unter anderem unterstützte und Verstecke organisierte. „Wir brauchen einen Trennstrich, keinen Schlussstrich“, fasste Siegert ihren Ansatz zusammen. Die bekannten Tatorte, Menschen und Geschichten sollen nicht verdrängt werden. Vielmehr gehe es darum, das Gedenken um weitere Perspektiven zu ergänzen und auch weniger bekannte Spuren der NS-Verbrechen sichtbar zu machen.
Gedenken solle dabei nicht in erster Linie dazu dienen, Menschen zu erziehen oder zu überzeugen, sondern die Opfer und ihre Angehörigen zu würdigen. Siegerts Ansatz stieß bei den rund 100 Gästen auf großes Interesse und Zuspruch. Im Anschluss an die Lesung entwickelte sich ein intensiver Austausch mit der Autorin. Zahlreiche Besucher nutzten zudem die Gelegenheit, ihr Buch signieren zu lassen.