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Stilles Gedenken zum Novemberpogrom

Bürgermeister Frank Spilling hat heute gemeinsam mit Landrätin Petra Enders und der Superintendentin des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Arnstadt-Ilmenau, Elke Rosenthal, haben heute am jüdischen Gedenkstein auf dem Alten Friedhof in stillem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Lesen Sie hier Rede des Bürgermeisters Frank Spilling:

Sehr geehrte Arnstädterinnen, sehr geehrte Arnstädter,

heute, am 09. November 2020, erinnern wir an den Novemberpogrom von 1938, an die Leiden und Schrecken der Vergangenheit, an den mörderischen Antisemitismus der Nazis.

Die Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 ist gebrandmarkt von der Ermordung jüdischer Deutscher, von Zerstörung, Terror, Schändung ihrer Häuser, Geschäfte und Synagogen. Sie ist ein Schauplatz erschütternder oder bewegender Geschehnisse, ein Alptraum in der deutschen Geschichte.

Menschen, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen, wurden von dieser Entgleisung der Zivilisation getroffen. Sie waren bei uns, auch hier in Arnstadt zu Hause, gingen hier bei uns ihrer Arbeit nach, beteiligten sich rege am politischen und kulturellen Leben.

Sie alle wurden allein deshalb verfolgt, weil sie Juden waren. Es ist leider eine schreckliche Tatsache, dass nach über 70 Jahren des Unterganges der Nazibarbarei Juden in Deutschland immer wieder mit Vorurteilen, mit verbalen und tätlichen Angriffen konfrontiert werden.

Die antisemitischen Straf- und Gewalttaten haben in den letzten Jahren zugenommen. Das schmerzt! Es schmerzt aber nicht nur - nein, es beschämt und erschüttert, wenn jüdische Friedhöfe und Synagogen nach wie vor geschändet werden.

Doch es sind nicht nur diese Taten. Es sind auch die vielen kleinen Zeichen, die mir große Sorgen bereiten. Ein Drittel der Deutschen stimmt der Behauptung zu, dass die Juden den Holocaust für ihre Zwecke ausnutzen würden. Eine leider stetig wachsende Anzahl von Menschen ist der Ansicht, dass es langsam Zeit wäre, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Es ist und bleibt unsere Pflicht, regelmäßig zu erinnern und zu mahnen. Zu erinnern an die Gräueltaten, an den Rassenwahn und die Nazi-Mordmaschinerie - gerade auch weil der zeitliche Abstand immer größer wird und die, die es miterlebt haben immer weniger werden.

Die Gesellschaft, wir alle, jeder einzelne von uns, darf Judenhass nicht gleichgültig hinnehmen. Er darf keinen Platz haben- nicht im Internet, nicht in der Familie, nicht am Arbeitsplatz. Gleichgültigkeit kann der Bodensatz in der Gesellschaft sein, der Judenhass Vorschub leistet.

Aus diesem Grund ist eine Gedenkkultur, wie wir sie in unserer Stadt bereits seit vielen Jahr­zehnten pflegen, unverzichtbar. Dass wir jedes Jahr am 9. November in Arnstadt daran erinnern, ist für mich ein Zeichen der Verantwortung und Hoffnung. Ebensolche Zeichen sind für mich die vielen Stolpersteine in unserer Stadt, die an unsere ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnern - und zwar an den Orten, an denen sie zuletzt gewohnt haben, also mitten unter uns.

Mit dem Verlegen und dem Verneigen vor den Namens- und Schicksalssteinen von Arnstädter Jüdinnen und Juden stellt sich die Arnstädter Bürgergemeinschaft der Verantwortung gegenüber den ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und macht unserer aller Verpflichtung sichtbar. Das ist wichtig, sehr wichtig. Judenhass ist kein rein deutsches Phänomen, doch aufgrund unserer Geschichte haben wir die Verpflichtung, besonders wachsam zu sein. Unsere zivilisierte Gesellschaft muss klar machen, wo Antisemitismus, wo Ausgrenzung und Diskriminierung beginnen und was jeder von uns dagegen tun kann.

Nicht vergessen oder verdrängen!

Auch deshalb stehen wir in der Pflicht gemeinsam an das Leid und den Schmerz und die Entsetzlichkeit des Novemberpogroms von 1938 zu erinnern. Wir gedenken einem Tag, an dem die Würde und die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Wir alle tragen Verantwortung, dass die Menschenrechte in unserem Land und unserer Stadt für alle - für Juden und Nichtjuden gelten. Das sind wir den Opfern des 9. November 1938 schuldig.